Kuhpoesie

 

 

@lippunermarc
ich habe geträumt heut nacht
von dir und dem sofa, dem neuen,
es war kuhbraun gefleckt und fellig
und als ich näher hinsah, fielen mir auch die paarhufigen füße auf
und auch ein kopf und nüstern,
weich und warm,
kuhwarm lebendig
und auf dem balkon wuchs jetzt eine große weide.
david kümmerte sich um die fladen.
und es machte ihm nichts aus.

Admiralspalast und Caveman – eine assoziative Zeitreise

Vom Federvieh zur Hallerrevue

Der Admiralspalast hat seit seiner Entstehung als Badepalast mit Biergarten und Ställen mit Federvieh bis hin zum legendären Hallerrevuepalast mit den Beine schwingenden Tiller Girls eine rasante Entwicklung hingelegt.

Anlässlich des 15 jährigen Cavenman- Jubiläums durfte ich als Teilnehmerin eines Tweetups der Kulturfritzen an einer Führung „Hinter den Kulissen“ im Admiralspalast teilnehmen. Gerade der historische Überblick machte deutlich:

Blick aus dem Fenster der vierten Etage im Hinterhaus auf das Vorderhaus,  in dem heute „Die Distel“ beheimatet ist.

Blick aus dem Fenster der vierten Etage im Hinterhaus auf das Vorderhaus, in dem heute „Die Distel“ beheimatet ist.


Volksvergnügen, das war von Anfang an das Thema. Dem Admiralspalast als Hauptstadtbad war es neben der hygienischen Bedürfnisbefriedigung auch wichtig als gesellschaftlich repräsentativer Ort zu gelten. Männer und Frauen, sauber getrennt, landen anschließend Dank der vielen Badewannen erster und zweiter Klasse sauber im Biergarten, in dem übrigens bayrisches Bier aus Berliner Herstellung serviert wurde!

Die luftig gepunktete Juliane Wünsche (Berliner Twitterprofi/ Lifekritik) hält hier eine laminierte  historische Aufnahme des damaligen Damenbades in der dritten Etage

Die luftig gepunktete Juliane Wünsche (Berliner Twitterprofi/ Livekritik) hält hier in ihrer Hand eine laminierte historische Aufnahme des damaligen Damenbades in der dritten Etage.
Foto: @j14e

Welche Vergnügungen in den sich über drei Etagen erstreckenden Bassins später dann tatsächlich stattfanden, meine Phantasie reicht weiter, als die Informationen, die vom „Hinterdenkulissenführer“ weitergegeben wurden. Natürlich liegt es nahe, den Admiralspalast als Ort auch frivoler Vergnügungen zu assoziieren.

Wie kommt das bloß? Die Tiller- Girls von der Hallerrevue, die auf dieser imposanten Bühne ihre Beine mit beeindruckender Präzision in die Lüfte warfen, versprachen nicht unbedingt keusche, fromme Unschuld. Keusche und fromme Unschuld waren aber gerade für die Mädels der unteren sozialen Stände dieser Zeit die einzige Möglichkeit, in diesem System, das von Doppelmoral und Moderne gleichermaßen beherrscht war, zu bestehen. Gerade die Mädels der unteren Klassen wurden häufig Opfer genau dieser Doppelmoral.

Hier öffnet sich der Eiserne Vorhang im großen Theatersaal. Die legendären Tiller- Girls warfen hier ihre Beine in die Lüfte, die legendäre Trude Hesterberg stieg hier von einer imposanten Showtreppe hinab.  Foto: @lippunermarc

Hier öffnet sich der Eiserne Vorhang im großen Theatersaal. Die legendären Tiller- Girls warfen hier ihre Beine in die Lüfte, die legendäre Trude Hesterberg stieg hier von einer imposanten Showtreppe hinab.
Foto: @lippunermarc

Trude Hesterberg, die in ihren Lebenserinnerungen die ungeheuerlich steile und lange Showtreppe des Admiralspalastes eindrucksvoll beschreibt, besingt solche Schicksale in Liedern wie „ Die kleine Stadt“ (Mehring, Heymann). In diesem Lied wird das uneheliche Kind, dessen Vater einer der mächtigen Honoratioren dieser Stadt sein muss, von der unglückseligen Mutter erstickt („Ich halt ein Kissen ihm bereit, in seinem Totenschrein, so klein, so klein, so klein ist meine Stadt“)

Frauen sind immer wieder Opfer von der Respektlosigkeit, Selbstherrlichkeit und Brutalität, zu denen Vertreter des männlichen Geschlechts fähig sind und das mit allergrößter Selbstverständlichkeit. Das Verwirrende ist, dass Autoren wie Tucholsky, Mehring, Wedekind, Kästner in ihren Chansontexten diesen Umstand insbesondere als Folge sozialer Ungerechtigkeit kritisieren, gleichzeitig aber werden Frauen in Kabaretts und Revuen nahezu ausschließlich als Objekte in Szene gesetzt. Das soziale Opfer wird bedauert, die frivole Tänzerin begehrt, das konsumgesteuerte Fräulein verachtet. Die kritischen Dichter der zwanziger Jahre dachten in Klischees. Und auch, wenn sie dies literarisch wunderbar verpackten, auch wenn die Chansons in teilweise wunderbar sensibler Weise vertont waren. Klischeehaft sind sie dennoch.

Ob das frauenfeindliche Texte waren? Wer das Interesse hat, kann dies sicherlich analytisch nachweisen. Literaturwissenschaftlerinnen haben sich ja auch mit der Frage befasst, inwieweit Kästner an einem „Madonna-Huren-Komplex“ litt. Immerhin aber haben großartige, starke und streitbare Frauen wie die Hesterberg und die Valetti diese Texte gesungen und rezitiert.

Trotzdem ist eines ist klar: im Schwerpunkt sehen wir auf der Bühne der Vergnügungspaläste dieser Zeit den Blick der Männer auf die Frau.

Frauen kaufen ein, der Mann ist triebgesteuert

Bei Cavenman scheint das nicht anders, gezeigt wird der Blick des Mannes auf die Frau. Die Frau kauft ein, der Mann ist triebgesteuert. Sehr simpel wird das unter Zuhilfenahme drastischer Beispiele aus der Steinzeit erläutert. Die Kernfrage lautet, warum ist das so schwer mit dem Zusammenleben von Männern und Frauen. Die schlichtgestrickte Antwort: Es liegt am Geschlecht, schon immer!

Aber wie genau schaut er auf das weibliche Geschlecht, der arme Tom im Bademantel -ein übrigens sehr passendes Utensil für einen Theaterabend im ehemaligen Admiralsbad- ?
Er ist ratlos, er kennt sie, aber er versteht sie nicht, er möchte es richtig machen, es gelingt ihm nicht, er hadert mit seiner Männerrolle aber verrenken möchte er sich nicht. Der Mann kommt nicht so gut weg, in alle seinen Unzulänglichkeiten. Er würde gern regieren, sie kann es aber besser! Gut kommt sie auch nicht weg. Die Unzulänglichkeiten liegen auf beiden Seiten. Zum Glück!

Und es sind Schoten, durchaus Schenkelklopfer (keine lauten) und platte Witze sind es teilweise auch. Es gab Zeiten, da habe ich beim ersten Menstruationswitz, den Männer im Publikum mit lautem Schenkelklopfen goutierten, laut das Theater verlassen. Vielleicht ist ja die Menopause schuld daran, dass ich heute drüber lachen kann. Aber es ist natürlich noch etwas anderes:

Felix Theissen als Tom im Bademantel gelingt es diese alte Geschichte, die ja in Wirklichkeit sehr viel älter ist als die paar 15 Jahre, zu erzählen, ohne je herablassend auf die Frauen zu blicken. Eine Bewertung findet nicht statt, nicht explizit und nicht durch die Spielweise. Die bademantelige Hilflosigkeit bildet immer wieder den Mittelpunkt in all diesen klischeehaften Episoden, das macht ihn einfach liebenswert. So kann ich die Plattitüden verzeihen, denn wir Zuschauer können uns sicher sein, er wird seiner Heike niemals etwas zu Leide tun. Er verzweifelt an ihr, sieht sie aber unbedingt auf Augenhöhe!

Der Blick auf die Frauen zu früheren Admiralspalastzeiten war da schon anders!

Exemplarisch sei hier ein Auszug aus einem Kästnertext zitiert, einem von der Hesterberg übrigens sehr geliebten Gedichts von den „Ganz besonders feine(n)  Damen“

Man könnte sich denken, sie stiegen 
 mit Hüten und Mänteln ins Bett. 
 Und stünden im Schlaf, statt zu liegen. 
 Und schämten sich auf dem Klosett. 
 Man könnte sich denken, sie ließen 
 die Männer alle erschießen 
 und kniffen sie noch ins Skelett.
  
 So schweben sie zwischen den Leuten 
 wie Königinnen nach Maß. 
 Doch hat das nichts zu bedeuten. 
 Sie sind ja gar nicht aus Glas! 
 Man kann sie, wie andere Frauen, 
 verführen, verstehn und verhauen. 
 Denn fein sind sie nur zum Spaß.

Tja, Herr Kästner, den Geschlechterkonflikt gab es schon damals, zwar lässt der Text einige Deutungen zu, herablassend bleibt es trotzdem und vermutlich würde ich, auch wenn ich Sie so sehr verehre, noch heute trotz Menopause bei solchen Versen laut das Theater verlassen.

Böse Menschen haben Lieder

Tanja Praske rief auf zur Blogparade „Was ist Kultur für dich…“ – was für eine Denkaufgabe.

Dialog, interessiert und zugewandt

Es geht immer um einen Dialog, darum, den oder das Gegenüber mit Aufmerksamkeit, Wohlwollen, Neugierde, Offenheit, Zuwendung wahrzunehmen. In meiner Phantasie ist diese Grundhaltung nie einseitig.
Wenn ich zum Beispiel durch die Alte Nationalgalerie in Berlin gehe, habe ich das Gefühl auch die Bilder erkennen mich wieder. Heinrieke Dannecker  ist eine alte Freundin von mir. Neulich war sie außer Haus, das war sehr bedauerlich. Das Heideprinzesschen, dieses wunderbare Kind, und ich  kennen uns schon seit Kindertagen, bestimmt stand ich da selber ebenfalls in der Wiese. Vielleicht kann man meine Gedanken für die Allmachtsphantasien eines Menschen halten, der sich die Welt, ohne sich selbst darin überhaupt nicht vorstellen will. Das ist mir aber egal, denn die Bilder wollen das, sie wollen meine Phantasie. Sie wünschen den Dialog mit mir. Wo ein echter Dialog stattfindet, da ist Kultur.
Kultur bringt verrückende Gedanken auf den Weg, sie erschafft Verknüpfungen an Stellen,  an denen vorher nichts war. Vor allem ist jede ernsthafte Begegnung geprägt von Offenheit, liebevoller, zugewandter Neugierde und es ist so friedlich!

„Kultur, Kultur, was bist du nur?“

Die Museumsinsel Hombroich in Neuss-Minkel ist ein sehr besonderer Ort. In einer zauberhaften Kulturlandschaft. Zwischen den Armen des Flüsschens Erft trifft der Besucher auf Landschaft, Kunst und Architektur.
Kein „Who is Who“ in der Kunstgeschichte bestimmt den Weg des Betrachters, das Wegenetz führt an unbeschrifteten Skulpturen, Gemälden, Objekten vorbei, in spannende Ausstellungsgebäude, in denen Kunstwerke einander begegnen, die sich anderswo nie kennengelernt hätten. Der Betrachter kann auf den ersten Blick gar nicht bestimmen, wessen Werke er da gerade betrachtet, es sei denn, er ist ein kunsthistorischer Klugscheißer.
Fischreiher, Enten, Bisamratten, Rehe, Gänse, diese Tiere konnte ich hier schon beobachten. Im (hoffentlich) unbeobachteten Moment habe ich im Graubner Pavillon mich vollkommen frei fühlend, die akustischen Besonderheiten hemmungslos mit Stimme und seltenen Regenschirmsounds ausprobiert.
Zuletzt roch es nach frisch gemachtem Heu und die Begegnung mit den vielen Baumarten, Blumen, frischen Johannisbeeren vom Strauch stehen der Begegnung mit Ives Kleins Blau und meinen Lieblingscollagen von Kurt Schwitters und den Portraits von Lovis Corinth in nichts nach.
Mittendrin betreibt Anatol Herzfeld sein Atelier und achtlos steht an eine Mauer gelehnt ein kleines Bild, gemalt auf eine rostige Metallplatte stellt sich eine Figur die Frage

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Ach,Tanja Praske,
i c h w e i ß e s d o c h a u c h n i c h t!!!

Musik, Kunst und Architektur-
„Auch böse Menschen haben Lieder“

Es wäre eine zu schöne Behauptung, Kultur sei das, was den Menschen menschlich macht.
Leider zeigt uns die Geschichte, dass dies nicht so einfach ist. Böse Menschen haben Architektur und Kunst und Musik. Und ganz ehrlich, meine Gedankenwelt ist auch nicht immer geprägt von „Kultur“
„Ich hab Kultur“- das sagt sich so leicht dahin.
Ich habe viel Phantasie, und die ist nicht immer nur friedlich. Ich würde sehr gerne fiese Arschlöcher mit einer Gruppe dicker, nackter Amazonen überfallen, bis sie winselnd am Boden liegen. Manchmal brodelt meine Wut bis in die Knochen. Ich wäre gerne brutal und stark, eine Rächerin, eine gruselige Gestalt, der es gelingt, Arschlöcher in spontane Bettnässer zu verwandeln. Ich habe Allmachtsphantasien!
Aber: Wer darf eigentlich entscheiden, wer ein Arschloch ist und wer nicht? Darf ich das? Wenn ich mir so eine Frage stelle, bin ich bestimmt kultiviert. Möglicherweise bin ich dummerweise kultiviert und mir gelingt es deshalb nicht Idioten (also Menschen, die ich für selbige halte) in die Eier zu treten.

Man braucht in der deutschen Geschichte nicht lange zu suchen um ein Beispiel für eine Zeit zu finden, in der so viele Menschen kein bisschen menschlich gehandelt haben. Trotzdem gab es in dieser Zeit Kino, Musik, Theater, Kunst und Architektur. Und diese Menschen haben sich ja auch für kultiviert gehalten. Doch diese Kultur schloss den Dialog mit allem aus, was nicht dazu gehören durfte.
Mir fällt in diesem Zusammenhang die wunderbare Entstehungsgeschichte der handschriftlichen Kopie einiger Kästner Gedichte aus der „Lyrischen Hausapotheke“ von Teofila Reich-Ranicki ein.
Die „lyrische Hausapotheke“ als Medizin gegen Unkultur und Unmenschlichkeit. Diesen verbotenen Gedichten in einer Zeit des Massensterbens von Kulturgut gelang es, zu überleben und gleichzeitig Überlebenshilfe zu sein. Das kann Kultur.

Das Leben bleibt spannend, wie ein Kasperle Theater. Man weiß ja nie, ob und wann das Krokodil kommt, ob es gelingen wird die Bösen zu besiegen und zwischendurch wird bestimmt ein Lied gesungen. Ich bleibe neugierig und offen und zugewandt, kampfbereit und all das, es ist nicht immer lustig, aber vermutlich ist es Kultur.

 „Kultur ist für mich…“ Zur Blogparade hat Tanja Praske aufgerufen. #KultDef

 

Mit der Oma in die Stadt

Die meisten Menschen haben eine Oma und können sich an die erinnern. Ich bin unterdessen selber eine, was ein merkwürdiges Gefühl ist. „Enkelkind“ ist allerdings eines der schönsten Wörter überhaupt!
Als Enkelkind musste ich in den Ferien regelmäßig zu meiner Oma. Manchmal zusammen mit meiner Schwester, häufiger aber ohne. Mit zwei Kindern kam die Oma nicht so gut zurecht. Wie meine Schwester das hingekriegt hat, dass immer ich zur Oma musste und sie zu Hause blieb, das weiß ich gar nicht mehr.
Im Nebenhaus wohnte eine Kusine, die ungefähr so alt war wie ich, und wir spielten Halma auf der Veranda, lasen Märchen oder schauten der Tante beim Hühnerschlachten zu, was sehr interessant war. Die Oma war mich also beinahe den ganzen Tag los, was ihr allerdings dann doch nicht passte. Am Abend spielte ich mit ihr Mensch ärgere dich nicht. Und wirklich hatte ich den Eindruck, was für ein liebes Kind bin ich doch, dass ich mit der Oma spiele, mit der doch sonst niemand spielen will.
Sonntags zogen wir uns die guten Sachen an und Oma holte aus einem ihrer großen Schlafzimmerschränke einen ihrer Sonntagskirchenmäntel. Dann gingen wir vor das Haus. Dort begrüßte Oma dann alle herausgeputzten Kirchgänger aus der Siedlung. Der Kirchenbus hielt genau vor Omas Haus, weil sie als Presbyter sehr wichtig war. Als Kind hätte ich natürlich „Pressbitter“ geschrieben und es genau so empfunden und auch heute fällt es mir schwer gegen diese Empfindung anzuschreiben. So viel also zum sonntäglichen Kirchgang, der war mir immer deshalb lieb, weil danach zum Mittagessen meine Eltern kommen und mich abholen würden.
Wirklicher Höhepunkt der Omabesuche waren aber die Ausflüge in die nächstgrößere Stadt. Eine Stadt mit Einkaufszone, Rolltreppen und einer Straßenbahn, die manchmal mitten durch alles hindurchfuhr. Es gab C&A und Woolworth und im Kaufhof sogar eine Spielzeugabteilung.
Natürlich mussten wir irgendwie dorthin kommen, dafür gab es einen Linienbus, der durch unzählige Dörfer, die nächste Kleinstadt und weitere unzählige Dörfer fuhr. Immer wieder stiegen Frauen zu, die im Sommer über ihrer weißen Unterwäsche nichts trugen als einen ärmellosen Synthetikkittel mit kleinförmiger Musterung oder auch in Weiß mit einem grünen oder blauen Rand. Der Bus wurde immer voller, ich hatte die Wahl entweder zu stehen oder auf Omas Schoß zu sitzen, auf dem ich von ärmellosen dicken Oberarmen eingequetscht sehr lange die stickige Sommerbusluft atmen musste. Sehr viel später stiegen wir direkt in der Einkaufsstraße aus und Oma grabschte bereits auf den Sonderpreiswühltischen nach neuen Kitteln oder Sonntagsmänteln oder Stumpfhosen für uns. Auch an elektrisch knisternde Sonderpreisnachthemden kann ich mich erinnern, die aber von meiner Mutter nach angemessener Aufenthaltsdauer in unseren Kinderkleiderschränken entsorgt wurden.
Meistens stand ich daneben und atmete die kittelknisternde Kaufhausluft ein und nach einer Weile taten mir schließlich die Füße weh, vom langsamen Gehen und vom Danebenstehen. Die wachsende Anzahl der Plastiktüten an der Hand taten ihr Übriges. Schließlich wurde es irgendwann Mittag und auch die Oma hatte Hunger. Jetzt kam das Beste: Wir gingen ins Kaufhofrestaurant. Das war damals hochmodern eingerichtet, ein bisschen im bayrischen Stil, mit grün-dunkelgrün gestrichenen Bänken auf Barhockerhöhe. Ich habe in Erinnerung, dass es ziemlich dunkel war und Herren in Anzügen dort ein schnelles Mittagessen zu sich nahmen. Auswärts essen gehen war immer etwas ganz Besonderes. In der fünfköpfigen Familie hatten wir sehr selten dieses Vergnügen. Trotzdem hatte uns unsere Mutter immer ganz kräftig eingeschärft, uns unbedingt gut zu benehmen. Die Kinderfäustchen rechts und links neben Messer und Gabel zu platzieren, nicht mit offenem Mund und lautlos zu Kauen, nur kleine Bissen in den Mund zu nehmen und leise zu sein. Quengeln war ohnehin absolut verboten und es gab eine ungeheuerliche Drohung für den Fall der Fälle: Dann gebe ich dir hier vor allen Leuten eine Ohrfeige. Und das war das Allerschlimmste, was ich mir vorstellen konnte, denn damit würde mein schlimmes Verhalten praktisch eine öffentliche Angelegenheit.
Im hochmodernen Kaufhofrestaurant saßen also die Oma und ich neben anzugtragenden Städtern und Oma bestellte für sich ein halbes Hähnchen und für mich einen Hähnchenschenkel mit Pommes. Cola oder Limo gab es bestimmt ebenfalls dazu und das war natürlich toll! Pommes gab es sowieso immer nur ganz ganz selten.
Oma hatte damals schon ein vollständiges Gebiss mit künstlichen Zähnen. Es waren ja schlechte Zeiten gewesen. Das Glas mit dem Gebiss auf dem Nachttisch und das seltsam runde Gesicht der Oma ohne Gebiss, das waren für ein Kind wie mich ganz merkwürdige Eindrücke, über die ich lieber gar nicht nachdachte. Natürlich habe ich mir damals auch niemals darüber Gedanken gemacht, wie es wohl sein könnte ein ganzes halbes Hähnchen mit so einem Gebiss zu essen.
Kurzum, der Anblick meiner Oma im schicken Kaufhofrestaurant auf der barhockerhohen Sitzbank mit den grüngemusterten Polstern war wirklich nicht schön. Sie kaute mit offenem Mund, wobei das Gebiss sich irgendwie völlig unpassend mitbewegte. Sie mochte Hähnchen wirklich gerne und das merkte man ihr auf diese fast schon unanständige Art, wie sie es aufaß, deutlich an. Das Hähnchenfleisch wurde mitsamt der Haut so vollständig vom Knochen gebissen, dass am Ende der Größe nach geordnet absolut sauber, als wären sie aus Plastik, alle Knochen auf dem Teller lagen.
Die in mir wohnende Muttererziehung verbat es mir, mich in einem Restaurant so enthemmt auf das Essen zu stürzen. Zum Glück lassen sich Pommes Frites wunderbar anständig mit der Gabel vom Teller essen. Ebenfalls schnitt ich mit Messer und Gabel vorsichtig am Hähnchenschenkel, der ja bekanntlich die Tendenz besitzt bei zu festem Druck vom Teller zu flutschen. So erwischte ich hier und das ein Stückchen vom Hähnchenschenkelfleisch, bekam es jedoch kaum herunter, weil ein Herr im Anzug die Szene, die sich ihm darbot mit unverhohlenem Vergnügen belustigt beobachtete.
Eins war klar, Reste würde ich nicht machen müssen, auf meine Oma war Verlass. Mit fettigen Händen wischte sie ihren fettigen Mund und erklärte dabei dem Herren gegenüber mit unbeschwertem Lächeln, dass ich vermutlich bereits satt sei. Sodann widmete sie sich meinem Hähnchenschenkel, von dem nun auch sorgfältig jeder kleine Fitzel Fleisch in ihr verschwand.
Vermutlich haben wir dann noch länger mit all den Tüten an der Toilette angestanden, bestimmt hatte ich großen Durst und gar keine Lust mehr. Vielleicht habe ich sogar an manchen Wühltischen daneben gestanden und mit ein Quengeln nicht verkneifen können. Bestimmt gab es auch noch ein Eis im Hörnchen.
Irgendwann fuhren wir wieder nach Hause. Erinnerungen an diese Rückfahrten habe ich überhaupt nicht, ich werde sie in meiner Ausflugserschöpfung verschlafen haben.

Zum Muttertag

Das Gerät bestand aus einem quadratischen Gitter von ungefähr 12 mal 12 cm, dessen Einzelteile aus scharfem Blech- oder Metallstreifen gefertigt waren. Das Gitter war am Ende eines ebenfalls aus Blech oder Metall bestehenden viereckigen Hohlraums, an dem eine Art Presse angebracht war, die man mit einem roten Holzgriff herunter drücken konnte. Die Produktbezeichnung lautete „Frittenpresse“, oder „Pommes Frites Schneider“, ich weiß es nicht mehr genau. Der Name des glänzenden Gerätes hatte aber das Talent, in uns Kindern Träume loszutreten von regelmäßigem Pommes Frites Genuss in der heimischen Küche.
Das kleine Wunderding lag im Schaufenster des einzigen Geschäftes, an dem wir auf unserem Schulweg vorbeikamen. Direkt hinter dem Hügel, der am Schwimmbad vobeiführte lag das Geschäft an der Ecke zur Hauptstraße. Auf dem bekieselten Vorplatz zum Geschäft fand sich neben parkenden Autos auch regelmäßig ein Ausstellungsstück, ein besonderes Angebot. „Unser Schlager“ stand mit dicken Buchstaben auf einem sternförmig ausgeschnittenen Schild daneben. Unser Schlager, das konnte mal eine schicke Harke sein, ein Rechen oder auch schon mal ein mechanischer Rasenmäher.
Unser kleines Traumhaushaltgerät gehörte nicht zu den schlagerfähigen Produkten, dazu war es einfach zu klein, auf dem Kieselparkplatz wäre es ja gar nicht aufgefallen. Aber wir drückten uns vor dem Geschäft zu dritt die Nasen platt. Muttertag stand vor der Tür. Das Gerät hatte einen erschwinglichen Preis und unsere Lust auf Pommes riss uns regelmäßig zu schlimmen Sprechchören hin, wenn wir im kleinen, hellblauen Familiencoupe im Ausland unterwegs waren.
Nach dem Auspacken zeigte unserer Mutter, so schien es uns, neben einem verhaltenen Gesichtsausdruck auch eine verhaltene Freude.
Beim Kartoffelschälen haben wir, soweit ich mich erinnere, geholfen mit dem Kartoffelschäler. Die braunen Kartoffelaugen hat natürlich unsere Mutter mit dem Küchenmesser, einem kleinen Windmühlmesser mit krummer Klinge, heraugeschnitten. Und nun endlich kam das neue Haushaltsgerät zum Einsatz. Nahezu automatisch würden aus den Kartoffeln Fritten werden. Hinein in die Öffnung, mit dem roten Griff die Pressfunktion betätigt und fertig die Fritten.
Es ging ein bisschen sperrig voran. Das Gesicht unserer Mutter nahm bereits ungehaltene Züge an, mit leicht geröteten Nuancen, als sie unter massiver Kraftanstrengung die Kartoffeln nacheinander, uns zuliebe durch die Presse drückte. Es war offenbar nicht ganz so leicht, die Kartoffeln zu Fritten zu schneiden, zumindest nicht mit diesem Gerät. Auch die Tatsache, dass dies nur der erste kleine Arbeitsschritt war, ließ die Laune der Mutter zum Muttertag nicht unbedingt aufblühen. Wohlwissend, dass Pommes Frites zweimal zu fritieren sind, brutzelte das Fett bereits zur Vormittagszeit in der Küche, wobei Dunstschwaden sich im gesamten Untergeschoss des Hauses ausbreiteten. Die Tür zum Steingarten stand offen, aber das half kein bisschen. Im Nebel fast verschwunden frittierte unsere Mutter tapfer, ich glaube, da schimpfte sie bereits ein bisschen und auch unsere gute Laune schwand etwas. Während des zweiten Fritiergangs bereitete sie noch eine Mayonnaise zu, es war ja Sonntag und man konnte nichts einkaufen.
Ich glaube zu diesem Zeitpunkt war die ganze Familie ein wenig niedergeschlagen. Unser Vater qualmte aus der Pfeife , in der Küche qualmte der Fritiertopf, im Inneren dampfte vermutlich auch unsere Mutter.
An das Essen habe ich keinerlei Erinnerung, ich weiß nur noch, dass wir alle ziemlich fertig waren an diesem Sonntagnachmittag.
Es war auch schlimm, unsere Mutter am Muttertag so verstimmt zu haben.
Kurzum, Fritten gab es in unserer Küche nie wieder. Das tolle Haushaltsgerät führte ein stiefmütterliches Dasein in der drittte Reihe des Küchenschrankes.
Als wir nach dem Tod unseres Vaters das Haus leerräumten, fand es sein leicht verrostetes Ende im Container, zwischen anderem, unbrauchbarem Kram, beispielsweise meiner Schlummerle-Puppe von Schildkröt, die ich merkwürdigerweise ebensowenig vermisse wie diese Frittenpresse.

Das Haus meiner Oma

Am Anfang der fünfziger Jahre bauten meine Großeltern das Haus. Es war ein Siedlungshaus am Rande eines Straßendorfes. In jener Zeit entstanden in allen Dörfern solche Siedlungshäuser. Die zukünftigen Hausbesitzer bauten damals vieles selbst und so hat auch mein Vater als junger Student noch kräftig mit gebuddelt und gemauert.
Die wichtigste Gemeinsamkeit all dieser Häuser war der große Garten. An die Küche schloss sich ein viereckiger Raum an, die Waschküche, von dort führten einige Stufen nach draußen.
Viele Siedlungsbewohner hielten damals ein Hausschwein. Das war praktisch, denn alle Küchenabfälle fanden unmittelbar einen zufriedenen Abnehmer. Das Schwein wohnte in einem Stall, der zum Garten hin lag, dort war auch Platz für Hühner und an dessen Rückseite befanden sich die Kaninchenställe.
Die Gärten nach hinten heraus waren sehr groß und über die Zäune hinweg wurden mit den Nachbarn Ableger, Stecklinge und Samen getauscht. Mindestens die Hälfte der Gartenfläche wurde mit Kartoffeln bepflanzt. Außerdem wuchsen dort Kürbisse, die dicken, harten, die damals noch süßsauer eingelegt wurden; Gurken, Erdbeeren, Johannisbeeren, Kirsch-, Pflaumen- und Apfelbäume waren ebenfalls vorhanden im Garten meiner Oma. Außerdem gab es natürlich Blumen, die zu Sonn- und Feiertagen in einer Kirmesblumenvase aus fast echtem Kristall auf dem Esstisch standen.
Meine Mutter hat noch das Schweineschlachten und Wursten hautnah miterleben dürfen. Da lebte Der Opa noch, den alle Papp nannten. Ihn hatte ich gar nicht mehr kennengelernt.

Rückseite des HausesDie Rückseite des Hauses noch ohne Sommerveranda. In der Tür zur Waschküche stehen meine Oma mit meinem Bruder auf dem Arm, mein Opa und eine fremde Tante.

Zu meiner Kinderzeit hatte sich die Rückseite des Hauses in eine wellblechüberdachte Sommerveranda verwandelt. Dort gab es einen Tisch mit Stühlen und einen alten Küchenbuffetschrank, der im Winter als zusätzlicher Kühlschrank diente. Im Sommer konnte man dort bei dickstem Regen den ganzen Tag im Halbdraußen verbringen.
Meine Oma war früh verwitwet und hatte schon im Hühnerstall keine Hühner mehr, stattdessen gab es eine ultramoderne Bottich-Waschmaschine mit Handkurbelbetrieb und einer Auswringmaschine. Als ich klein war, war dieser Stall ein Mysterium für mich. Lauter Bretter, dieser Bottich, Gartengeräte, man konnte noch eine Tenne für die Hühner erahnen. Ich blieb nie länger dort als nötig.
Zwischen der Wellblechdachveranda und dem Stall, der dem Garten zugewandt war, gab es einen ziemlich unebenen Betonboden (vermutlich lag darunter die Sickergrube), darin eingelassen waren drei quadratische Abschlusssteine mit Eisenhaken und jeweils zwei kleinen Löchern. Für uns hatte jeder dieser Steine eine ganz besondere Spielbedeutung und wir hüpften stundenlang bedeutungsvoll zwischen ihnen hin und her.
Wir wohnten damals in einer wirklich sehr kleinen Kleinstadt ungefähr eine halbe Autostunde von der Oma entfernt. Das Haus konnte man schon von weitem erkennen, weil es ein Eckhaus auf einem Eckgrundstück war, also das erste rechte Doppelhaushälftenhaus der Siedlung.
Sonntags fuhren wir häufig dorthin und die Oma hatte gekocht. Der Vorgarten war immer (und ist es bis heute) bepflanzt mit einem Rasen an dessen Rändern Rosensträucher wachsen. Vor dem großen Eisengatter neben dem Haus war eine Fläche, auf der das Auto parken konnte. Zum Hauseingang ging es drei Stufen hinauf. In der dunklen Holztür war ein kleines Fenster. Sobald die Tür sich öffnete, ging man in einen dunklen kalten Flur mit Steinboden. Der Geruch war immer derselbe: eine Mischung aus dem süßlichen Duft eines kalten Ofenfeuers und Essen.
In der ersten Türe links lag das Schlafzimmer der Oma. Ein eiskalter Raum mit riesengroßen Holzbetten, die über und über mit großen, schweren, weißen Kissen und Federbetten bedeckt waren. Die waren so steif und so kalt und so schwer, dass ich immer, wenn ich dort schlafen musste, dachte, ich würde es nicht überleben. Über den Betten hingen die Portraitfotos der Urgroßeltern. Aus einem völligen Schwarz guckten deren ernste Gesichter heraus.

Mein junger VaterMein junger Vater zwischen seinen Eltern, daneben noch sein Onkel. Augenmerk aber bitte auf die beiden Photographien, die später über den Ehebetten im Schlafzimmer hingen.

Schlimmer als den Uropa fand ich die Uroma, die furchteinflößend streng in die Photographenlinse geguckt haben muss.
In diesem Zimmer gab es außerdem eine Kommode, in der Oma Schmuck, Kämme und ihre Korseletts aufbewahrte, die waren groß und weiß oder rosa mit Spitze.
Der schwere Holzkleiderschrank mit den vielen Kleidern und Mänteln mit Pelzkrägen stand in einem kleineren Zimmer hinter dem Schlafzimmer, das zum Garten bzw. zur Sommerveranda ging.
Vor allen Fenstern hingen schwarze Fliegengitter. Wenn meine Schwester und ich bei Oma schliefen, musste ich im rechten Ehebett unter den schweren Federbetten liegen, im linken Bett schlief die Oma. Neben jedem Bett stand ein Nachttisch mit einem wirklich sehr laut tickenden Wecker. Meine große Schwester durfte immer beim Schrank im Nebenraum auf einer alten Chaiselongue schlafen. Das Weckerticken hielt uns aber alle zusammen.
Vom Flur aus rechts befand sich das Wohnzimmer. Das war wirklich sehr voll mit Möbeln. Ein guter Esstisch mit Stühlen und an der Wandseite eine Chaiselongue mit rotem samtartigen Stoff, der in sich ein Blumenmuster hatte, ein hochglänzender Schrank mit Glasschiebetüren in dunkelbraun, in einer Ecke ein schwarzer Ofen und ein kleiner Tisch am Fenster mit zwei Minisesseln. Dort lagen immer die Kataloge.
Den Zusammenhang zwischen den Kaninchenställen und dem Fleisch, das im Anschluss an die Rindfleischsuppe mit Nudeln serviert wurde, habe ich damals nicht durchblickt. Mein Bruder wohl, der bekam jedes Mal etwas anderes, ein Schnitzel oder so.
Nach dem Essen saßen wir auf dem Boden vor den Minisesseln, auf denen meine Eltern bereits Platz genommen hatten und blätterten alle in den Katalogen von Otto und Neckermann. Kataloge gab es bei und zu Hause nämlich nicht und ich fand das ganz wundervoll. Allein schon dieses Rascheln beim schnellen Blättern. Die Oma spülte.
Die Küche lag direkt hinter dem Wohnzimmer. Oma kochte noch auf einem richtigen Ofen. Die Küche war schmal, warm und hatte auch einen Tisch mit drei Sitzplätzen. Im Wohnzimmer wurde nur am Sonntag gegessen!
Von der Küche aus führte nach links eine Türe in die schon vorher beschriebene Waschküche. Ein Badezimmer gab es damals noch nicht. Die große Körperpflege wurde immer mit Schüsseln und gekochtem Wasser aus der Küche vollzogen. Durch zwei weitere Türen in dieser Waschküche konnte man entweder wieder in den Flur oder nach draußen auf die Sommerveranda gelangen.
An den Keller habe ich kaum eine Erinnerung, obwohl ich immer, wenn Kohlen und Briketts geliefert wurden, im Keller mit der Schippe ordentliche Haufen geschaufelt und Briketts gestapelt habe für 50 Pfennig. Soviel zur Großzügigkeit meiner Oma.
Die Treppe nach oben war Tabu. Die Wohnung oben war vermietet. An die Mieter kann ich mich kaum erinnern. Es gab dort Dachschrägen in den Zimmern.

Es war die erste Wohnung meiner Eltern, nach deren Hochzeit. Wären sie nicht bald dort ausgezogen, wäre sie auch der Scheidungsgrund geworden.

Immerhin kam aber mein Bruder in diesem Haus zur Welt

Diese Kindheitserinnerung ist mein Beitrag zur Blogparade:
„Raumgefühl.Architektur denken“von @stadtsatz